«Gesunder Umgang mit Digitalisierung ist Innovation.»

Mario Facchinetti (29) ist Initiator des SwissPropTech Netzwerks. Seine Mission ist es, Brücken zwischen etablierten Firmen und Jungunternehmen aus der Immobilienwirtschaft zu schlagen. Ausserdem ist er als Leiter Wohnen bei der Swiss Life AG tätig. Wir haben mit Mario Facchinetti über seinen beruflichen Werdegang, über Chancen und Herausforderungen in der Immobilien- und PropTech-Branche und über seinen Blick in die Zukunft gesprochen. 

Du hast einen spannenden beruflichen Werdegang. An welchem Punkt bist du gestartet und wo stehst du heute?

Angefangen hat alles wegen und mit meinem Grossvater. Er war Unternehmer und hatte mit Immobilien zu tun. Durch ihn bin ich erstmals mit der Immobilienbranche in Berührung gekommen und habe gemerkt, dass sie mich interessiert. Insbesondere weil Immobilien eine greifbare Materie sind. Dieses starke Interesse und der Wunsch, etwas Handwerkliches im Bereich Immobilien zu erlernen, hat dann dazu geführt, dass ich eine Berufslehre als Elektromonteur absolvierte. Anschliessend hängte ich die Berufsmaturität an und begann mein Facility Management-Studium an der ZHAW in Wädenswil. Danach ergänzte ich meine Allrounder Position im Facility Management mit dem MBA in New Business an der HTW Chur. Während dieser Zeit habe ich begonnen, mich mit der Start Up-Welt auseinanderzusetzen. Heute bin ich Initiator und Repräsentant des Netzwerks SwissPropTech und als Leiter Wohnen bei der Swiss Life AG tätig. 

Wie ist das SwissPropTech-Netzwerk entstanden?

Während meiner Master-Studienzeit war ich bei Swiss Circle als Assistent des Geschäftsführers angestellt. Dies gab mir die Gelegenheit, die etablierte Immobilienwirtschaft in relativ kurzer Zeit kennen zu lernen. Die Quintessenz aus meinen Erfahrungen als Assistent zeigte, dass es in der Immobilienbranche keine Start Up-Szene gab, wie es in anderen Branchen üblich ist. Ich habe mich mit einer Handvoll Start Ups aus der Immobilienbranche zusammengesetzt und nach Ideen gesucht, die innovative Projekte in der Immobilienbranche unterstützen und vorantreiben würden. Daraus ist SwissPropTech entstanden.

Du gestaltest Lehrveranstaltungen für Studierende der Immobilienbranche. Was möchtet ihr aus Sicht von SwissPropTech erreichen?

Ich darf jeweils eine Vorlesung an der HWZ im Lehrgang CAS Digital Real Estate gestalten. Dort gebe ich den Studierenden zu Semesterbeginn einen Überblick darüber, was in der PropTech-Branche läuft und wie sie sich entwickelt. Es ist sehr wichtig, das Thema auch in der Ausbildung zu adressieren, um die Studierenden über die Chancen und Risiken zu informieren. Die Studierenden sind hinsichtlich Innovationsthemen die Hoffnungsträger der Branche und sollten die innovativen Geschäftsmodelle vorantreiben. Wir wollen den Studierenden aufzeigen, was in unserer Branche läuft und ihnen Zeit geben, zu lernen. 
Wir verspüren aber, dass unsere Botschaft noch nicht optimal platziert ist und teilweise eine Abwehrhaltung der Studierenden, insbesondere gegenüber der PropTech-Branche, besteht. Sie sehen die Digitalisierung eher als Feind anstatt als Hilfsmittel. Die Philosophie, dass bei richtigem Einsetzen der Digitalisierung im Endeffekt mehr Zeit für den Endkunden und für wichtige Kopfarbeit übrig bleibt, ist noch nicht ganz rübergekommen.

Wo siehst du aktuell die grösste Herausforderung für die Immobilienbranche in der Schweiz?

Trotz dem fehlendem Druck seitens Markt und Aktionären muss Innovationserfahrung aufgebaut und in Innovation investiert werden. Man muss das Bewusstsein und die Motivation aufbringen, um jetzt zu handeln, damit man in einer Führungsposition bleibt. Wenn es jemandem zu gut geht, dann wird er von einem anderen eingeholt. Und das nur, weil dieser den grösseren Druck verspürt, etwas zu ändern und sich vorwärts zu bewegen. Momentan glaube ich, besteht in der Schweiz kein Bedürfnis dazu. Währenddessen bauen andere Länder Erfahrungen auf und nutzen die gewonnenen Vorteile, um aufzusteigen. Wir sollten den Pioniergeist nicht vernachlässigen und uns stets vor Augen halten, dass bei exponentiellen Entwicklungen, wie sie die Digitalisierung ermöglicht, eine Minute vor zwölf das Glas immer noch halb leer ist. Ich würde mir wünschen, dass offener mit dieser Herausforderung umgegangen würde.


«Wir sollten den Pioniergeist nicht vernachlässigen und uns stets vor Augen halten, dass bei exponentiellen Entwicklungen, wie sie die Digitalisierung ermöglicht, eine Minute vor zwölf das Glas immer noch halb leer ist.»


Die Digitalisierung beschäftigt die Immobilienbranche gerade enorm. Was verstehst du darunter und wie nimmst du dieses Thema in der Branche wahr?

Die Digitalisierung ist nur ein Teil der Veränderung, die momentan herrscht. Sie ist relativ simpel. Sie ist die vierte industrielle Revolution und ermöglicht es, Probleme zu lösen, die man bis anhin nicht lösen konnte. Klar ergeben sich durch die Digitalisierung auch neue Probleme. Diese werden, wie Einstein schon sagte, erst durch die nächste Revolution gelöst werden. Kurzfristig kann sich ein Wettbewerbsvorteil für diejenigen ergeben, die auf dem Markt Probleme lösen können, für die es bis anhin keine Lösungsansätze gab. Digitalisierung ist für mich Mittel zum Zweck. Die Frage ist nur, wie man sie einsetzt. Diese Frage muss im Innovationsmanagement und nicht in der Digitalisierung selbst gelöst werden.

Du bist der Meinung, dass die Digitalisierung nicht unabhängig vom Innovationsmanagement betrachtet werden darf. Weshalb?

Die Digitalisierung ist gut, aber man muss sie mit Innovationen managen können. Der gesunde Umgang mit der Digitalisierung ist die Innovation. Nur wenn man die Digitalisierung zielgerichtet einsetzt und verstanden hat, dann ist man innovativ. Das Innovationsmanagement hilft dann, Synergien zu nutzen und die Digitalisierung einzusetzen, um Schnittstellen und neue Ökosysteme zu schaffen. Das eine vom anderen getrennt zu betrachten, finde ich schwierig.


«Der gesunde Umgang mit der Digitalisierung ist die Innovation.»


Kannst du den grössten Gewinn, den die Digitalisierung gebracht hat, benennen?

Der grösste Mehrwert, den die Digitalisierung schafft, ist die Effizienzsteigerung. Insbesondere von bestehenden Prozessen. Es geht um Prozessoptimierung, die sich wiederum auf die Kostenreduktion auswirkt. Für alles was darüber hinausgeht, bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten, wofür aber ein Fahrplan nötig ist, damit neue Konzepte geschaffen werden können.

Worin siehst du die grössten Herausforderungen im Innovativ-Sein mit der Digitalisierung?

Der Mensch lernt nicht sich selbst zu kontrollieren. Der Mensch sollte nicht einfach die Digitalisierungs-Welle mitreiten, sondern sich bewusst darüber Gedanken machen, wo der Wert der Digitalisierung wirklich liegt. Durch die rasante Digitalisierung fehlt uns die Zeit zu verstehen und zu reflektieren. Die grösste Challenge ist es, dass wir uns als Menschen nicht verlieren. Man muss einen Weg finden, um die Technologie mit dem Menschen ideal zu verbinden.


«Durch die rasante Digitalisierung fehlt uns die Zeit zu verstehen und zu reflektieren.»


Du glaubst, dass die Schweizer Immobilienbranche etwas hinten nach hinkt. Weshalb?

Meine Hypothese ist, dass die Schweiz nicht der einfachste Ort ist für Innovationen. Betrachtet man die gesamtwirtschaftliche Lage und die Weltpolitik, dann gibt es praktisch keinen anderen Ort, der politisch so stabil ist wie die Schweiz. Es geht uns gut, deshalb verspüren wir keinen Druck, uns innovativ zu verhalten. Blickt man zum Beispiel auf Spanien oder Portugal, dann merkt man schnell, dass es der Bevölkerung massiv weniger gut geht. Sie haben einen ganz anderen Druck, Lösungen für bestehende Probleme zu finden. Die Adaption und Akzeptanz dieser Lösungen wird eine andere sein. Die Schweiz sollte sich trauen, die Scheuklappen zu öffnen und zu schauen, wie es ausserhalb der Landesgrenzen läuft. Nichts desto trotz ist der Immobilienmarkt in der Schweiz ein attraktiver Markt und für diejenigen, die Sicherheit anstreben, wird es auch ein attraktiver Markt bleiben. 

Wohin glaubst du wird es in der längerfristigen Zukunft mit der Immobilien- und der PropTech-Branche gehen?

Ich habe das Gefühl, dass sich die PropTech-Branche momentan in einer Sättigungsphase befindet. Es wird sich zeigen, wer es geschafft hat, Probleme zu finden und zu lösen, für die wirklich ein Lösungsbedarf besteht. Diese Geschäftsmodelle werden überleben und alle anderen werden sich bereinigen. Auch bei den etablierten Unternehmen in der Immobilienwirtschaft wird es in den nächsten Jahren eine Bereinigung geben. Gewisse werden es schaffen, mit dem zunehmenden Informationsdruck umzugehen und andere nicht. Wer einen Überlebenshorizont von 10 bis 20 Jahren anpeilt, sollte sich mit der wachsenden Informationsflut auseinandersetzen. Dabei stellt sich die Frage, wie man mit der Digitalisierung umgehen wird und wie auf dem Markt innovativ agiert werden kann. Die Innovation wird mittelfristig zu einem wichtigen Fachbereich in jedem Unternehmen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg.


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