Archilyse-CEO Matthias Standfest: «Wir wollen das Bildliche numerisch darstellbar machen»

Matthias Standfest ist der Gründer und CEO von Archilyse, einem Zürcher Startup im Proptech-Bereich. Archilyse stellt Informationen zur Verfügung, die die Optimierung von Prozessen in allen Phasen des Immobilienlebenszyklus ermöglicht. Wir wollten mehr über ihn und seine Einschätzung der Digitalisierung in der Immobilienbranche erfahren.

Erzählen Sie uns etwas über sich und Ihre Beweggründe.

Ich bin in einem kleinen Ort in Oberösterreich aufgewachsen. Meine Eltern hatten eine Möbelproduktion. Dadurch hatte ich bereits früh Zugang zu CNC Maschinen und Computern. Schon mit 14 konnte ich mir das Programmieren beibringen. Ich entwickelte so auch schon früh eine Faszination für Gestaltung und Formen. So habe ich bereits damals versucht, die beiden Welten der Digitalisierung und Architektur zu verbinden. Das hat mich schliesslich dazu gebracht, an meine Maschinenbau-Ausbildung noch ein Architekturstudium in Graz anzuhängen. In diesem Themenkomplex haben mich immer auch kulturwissenschaftliche und philosophische Fragen fasziniert, zum Beispiel: Was ist der Einfluss von Entwurfswerkzeugen auf den Planer? Und was macht Architektur eigentlich mit uns Menschen? Als Schlussfolgerung meiner Diplomarbeit bin ich dann zu Künstlicher Intelligenz und Maschinellem Lernen in der Architektur gekommen, was mir auch meine Doktoratsstelle an der ETH Zürich ermöglichte. In meiner Dissertation untersuchte ich, wie man architektonische Geometrien durch Maschinelles Lernen erkennen und auswerten kann. Nach wie vor bin ich sehr eng mit der Wissenschaft verknüpft – hierzu haben wir einige Kooperationen – und selbst unterrichte ich nebenbei noch an diversen Fachhochschulen.

Was genau hat Sie bewogen, das Startup Archilyse zu gründen?

Nachdem ich 2014 mit einem herausragenden Team den HackZurich gewonnen habe, bin ich über Tamedia und Homegate an den ersten “Digital Real Estate Summit” als Redner gekommen. Da konnte ich erste Kontakte zur Schweizer Immobilienszene herstellen und bereits damals wurde mir immer wieder bestätigt, dass das Potential der Digitalisierung, besonders im Immobilienbereich, noch viel zu wenig ausgeschöpft ist. Viel hat sich leider seit damals nicht bewegt. Man versucht sich die Schlagworte verschiedener Trends anzueignen, ohne aber konsequent Projekte dazu umzusetzen. Die Suche nach neuen Werkzeugen hat zu einer Art digitalem Eklektizismus geführt. Er versucht, genau wie Christbaumschmuck, bestehende Prozesse zu dekorieren, anstatt existierende Probleme in Angriff zu nehmen. Ein digitales Papier oder eine digitale Unterschrift schiessen am Ziel vorbei. Ich denke es fehlt hier noch an Mut, die notwendigen Schlüsse zu ziehen, sich  von traditionellen Prozessen zu verabschieden und die Möglichkeiten des Digitalen vollumfänglich auszuschöpfen.
Was ich mit meiner Doktorarbeit zeigen konnte ist, dass es heute schnell und mit wenig Aufwand möglich ist, Architekturqualität vollumfänglich zu messen. So werden Risiken oder Chancen frühzeitig sichtbar. Und Architektur langfristig besser. Das hat mich angetrieben, Archilyse zu gründen.

Was macht ihr mit Archilyse denn genau?

Im Kern geht es uns darum, das, was in der Architektur bildlich ist, numerisch darstellbar zu machen. Wir wollen das Bild als Kommunikationsmedium durch klar verständliche Kennzahlen ersetzen. Zum Beispiel können wir sagen, ob ein Grundriss zu den 10% familienfreundlichsten Grundrissen in einer Nachbarschaft gehört oder nicht. 
Damit hilft Archilyse letztlich bei der Interpretation von Architektur. Jedes mal, wenn ich einen Plan in die Hand nehme und etwas herauslesen will, z. B. wie komplex der Weg und die Entfernung zum Notausgang sind, kann das Archilyse automatisch machen. Diese Automatisierung hilft den Architekten, Einrichtern und Beratern schneller und effizienter zu planen.
Das Potential ist deshalb so gross, weil es im Architektur- und Planungsgeschäft sehr viele repetitive Aufgaben gibt. Repetitive Arbeit kann eine Maschine viel schneller und einfacher erledigen. Somit hat man wieder mehr Freiheit und Zeit für andere Dinge. Bei Archilyse vernetzen wir alles. Alle Objekte bzw. Pläne werden geo-referenziert. Wir bekommen einen Plan als PDF sowie die dazugehörige Adresse eines Objekts und konvertieren den Plan zu einem geo-referenzierten BIM Modell. Anschliessend setzen wir den Objektplan in ein Modell der Umgebung und können so für jeden Quadratzentimeter berechnen, wieviel See oder welche Bergspitze man sehen wird, sowie welchem Lärmausmass das Objekt ausgesetzt werden wird Aus diesen unzähligen und komplexen Eigenschaften lässt sich dann auch die Raumwahrnehmung ermitteln. Es lässt sich berechnen, ob sich verschiedene Typen in diesen räumlichen Konfigurationen wohl fühlen werden oder nicht.


«Im Kern geht es uns darum, das, was in der Architektur bildlich ist, numerisch darstellbar zu machen.»


Was ist aus Ihrer Sicht die größte aktuelle Herausforderung der Immobilienbranche?

Das größte Problem der Immobilienindustrie ist, dass sie auf einer asymmetrischen Informationsverteilung basiert. Die Entwickler und Investoren haben einen Wissensvorsprung gegenüber den Konsumenten, sprich den Käufern oder Mietern. Das ist für die Nutzerqualität völlig kontraproduktiv und verzerrt obendrein das Marktgefüge. Die Idee darf also nicht sein, die Qualitäten nur für die Investoren lesbar zu machen, sondern der erste Schritt muss dahin gehen, diese für Mieter oder Käufer offenzulegen.
Problematisch ist außerdem, dass es keine objektive Messeinheit gibt, nach der Architekturqualität kommuniziert werden kann. BIM, als reichhaltiges Datenmodell, versucht zwar bereits mehr Informationen darstellbar zu machen, fokussiert sich dabei aber rein auf das Gebäude und lässt Nutzungsqualitäten völlig ausser Acht. Das verhält sich wie Information zu Wissen. Denn ein Planer denkt nicht in BIM-Modellen. Ein Planer denkt entweder in weichen Faktoren oder in harten Kennzahlen. Wenn wir Architektur wieder richtig kommunizieren wollen, brauchen wir eine semantische Ebene, die man über das BIM Modell legen kann. Genau diese semantische Ebene versuchen wir mit Archilyse zu etablieren.


«Wenn wir Architektur wieder richtig kommunizieren wollen, brauchen wir eine semantische Ebene, die man über das BIM Modell legen kann.»


Was ist aus Ihrer Sicht die nächste grössere Veränderung, die die Digitalisierung mit sich bringt?    

Für mich verhält es sich mit der Digitalisierung wie mit dem Klimawandel. Es gibt die eine Fraktion, die sagt, es sei ein ‘Hype’ und die darauf setzt, dass dieser Hype vorüber geht. Die andere, zynischere Fraktion sagt, es sei schlimm, aber es werde mich nicht treffen. Und es gibt eine, leider noch viel zu kleine Fraktion, die sich über den Ernst der Lage bewusst ist. Nun, wie wir in der Immobilienindustrie sehen, verhält es sich hier mit der Digitalisierung ähnlich. Was sich bereits erkennen lässt, ist, dass jene, die auf Digitalisierung setzen, ihre Angebote ausdehnen können und sich so mehr Wertschöpfung ins Haus holen. Ich denke, dass der klassische Planer hier massiv in Bedrängnis kommen wird, weil eben Entwickler viel einfacher in bestehende Prozesse eingreifen können. Das ist ein Verhalten analog zu den Entwerfern, die sich freuen, nun auch CNC Maschinen programmieren zu können und sich so nach und nach in das Feld von Herstellung und Produktion drängen. Lustigerweise funktioniert der Prozess anscheinend immer Top-Down. Bislang habe ich noch niemanden gesehen, der versuchte, seinem Auftraggeber Kompetenz zu entziehen. 

Und wie wird sich die Immobilienbranche im Hinblick auf die Digitalisierung längerfristig verändern?

Ich denke, dass einige Tätigkeiten in Zukunft wegfallen werden. Ein Beispiel: ich muss den Grundriss nicht mehr auf die Einhaltung von SIA Normen checken, denn das hat vorher schon der Computer gemacht. Wie bei einer Autokorrektur kann mir dann die Software Alternativen vorschlagen, zum Beispiel, dass ich nur eine minimale Änderung machen muss und dann ein höherer Mietpreis erzielt werden kann. Die ganze Zeit, die man sich damit sparen könnte, wäre dann frei, um Neues zu schaffen und kreativ zu sein. Dann wird die Arbeit wieder spannender und erfüllender. Ich glaube wir müssen einfach viel offener mit den Technologien umgehen, weil solche Werkzeuge langfristig kommen werden. Der Alltag von Architekten wird spannender und ihre Entscheidungen werden umfangreicher. Hier gibt es definitiv eine Trennung zwischen jenen, die offen sind für echte digitale Innovation und jene die lieber an dem Alten, wenn auch unter Schlagworten versteckt, festhalten. Es wird also klar Gewinner und Verlierer geben.


«Ich glaube wir müssen einfach viel offener mit den Technologien umgehen, weil solche Werkzeuge langfristig kommen werden.»


Vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg!


Weitere Interviews


Zurück zur Übersicht